Partnerschaft für Demokratie Werra-Meissner-Kreis

Zwölf Flüchtlinge aus Syrien, dem Irak, Eritrea, Somalia, Marokko und Algerien nahmen am Sonntag, dem 4. Advent, dem 20.12.2015 am IBZW-Seminar „Soziokulturelle Orientierung“ in der AWO-Gemeinschaftsunterkunft in Witzenhausen teil  . Die Maßnahme fand im Rahmen der „Partnerschaft für Demokratie“ statt. Herr Anas Al-Rameh, ein Teilnehmer aus Syrien, fungierte als Dolmetscher ins Arabische. Der AWO-Kreisverband Werra-Messner hatte die Einladung der Flüchtlinge übernommen und den Seminarraum zur Verfügung gestellt.

Das Ziel des Seminars bestand darin, den Flüchtlingen die verschiedenen Bereiche des deutschen Lebensalltags sowie Grundregeln und Werte zu vermitteln und mit ihnen zu erörtern / „zu übersetzen“. Als Arbeitsgrundlage wurde die soziokulturelle Orientierungshilfe von www.refugeeguide.de genutzt und entsprechende Broschüren in Arabisch, Tigrinya, Französisch, Englisch und Deutsch verteilt. Zudem wurden Exemplare des Deutschen Grundgesetzes in arabischer Sprache verteilt, die dem IBZW vom Deutschen Bundestag zur Verfügung gestellt worden war.

Im Einzelnen wurden folgende Themenbereiche erörtert:

  • Öffentliches Leben
    Begrüßungsformeln; Privatsphäre; besondere Stellung des „Sonntags“; Verhaltensnormen in der Öffentlichkeit; öffentliche Verkehrsmittel; Kontaktaufnahme mit Fremden; u.a.
  • Persönliche Freiheiten
    Presse- und Meinungsfreiheit; Religionsfreiheit: Säkularismus; öffentliche Liebesbekundungen bei heterosexuellen sowie homosexuellen Paaren; Kleiderordnung im Sommer; gemeinsamer Besuch von Männern und Frauen in Schwimmbädern; u.a.
  • Gesellschaftliches Zusammenleben
    Körpersprache zwischen Bekannten: Händeschütteln, Männer und Frauen Umarmung, Kuss auf die Wange; offenes Feedback bei kritischen Themen: konstruktive und gewaltlose Streitkultur; hoher Stellenwert der Pünktlichkeit: privat und bei der Arbeit; Höflichkeitsformen „Nein, danke“, „Ja, bitte“ oder „Gerne“.
  • Gleichberechtigung
    Diskriminierung verboten; Gewalt verboten – staatliches Gewaltmonopol; Gleichberechtigung zwischen Männern und Frauen; Recht auf gleichgeschlechtliche Liebe, freie Partnerwahl
  • Umweltfreundlichkeit
    Mülltrennung und - entsorgung, Energie und Wasserverbrauch, Flaschenpfand und Recycling
  • Essen-trinken und rauchen
    Leitungswasser: Trinkwasser – oder „kein Trinkwasser“; wie kann man Verzehr von Schweinefleisch vermeiden? Essen ohne Besteck: Döner, Pizza, Burger, Pommes, Hühnchen etc.; Halal: „vegetarisch“ oder „vegan“? Über Wochenmärkte, Discounter (z.B. ALDI, LIDL) und  Supermärkte (z.B. TEGUT); teurer Einkauf bei Tankstellen; Umgang mit Alkohol; wo darf man rauchen, wo nicht?
  • Formalitäten und Verwaltung
    Pünktliche Öffnungs- und Schließungszeiten der Ämter; Bürokratie für alle: Bestechung ist eine Straftat!; private Telefonanrufe nach 21 oder 22 Uhr sind eher unüblich; nicht „schwarz“ fahren!
  • Verhalten im Notfall
    Plicht, Hilfe zu leisten; Notruf Polizei: 110; Notruf Feuerwehr 112; Notfall-Apotheke 22833

Während der Erläuterung dieser Themen wurden zahlreiche Fragen gestellt, u.a.:

  • Wenn gleichgeschlechtliche Paare Kinder haben dürfen: wo kommen diese her?
  • Wieso gibt es so viele ‚Singles‘ und kinderlose Paare?
  • Dürfen Männer öffentlich ‚Händchen halten‘? Und Frauen?
  • Wie kann ich wissen, ob in Lebensmitteln Gelatine ist?
  • Was ist ‚Säkularität‘?

Zu etlichen Punkten gab es interessante Diskussionen, z.B.

  • dass sich die Frage nicht stelle, ob das Gesetz über dem Koran steht: da ja das islamische Gesetz gelte
  • dass zwar von Gleichberechtigung die Rede sei, jedoch die Frauen mehr Macht hätten als die Männer. Dem Argument, dass Frauen z.B. für dieselbe Arbeit weniger Geld bekämen, wurde das Beispiel von Amazon entgegengestellt („ich arbeite bei Amazon und weiß, dass Frauen den gleichen Stundenlohn bekommen, wie Männer.“)
  • dass das Bild von angeblich unterdrückten muslimischen Frauen nicht der Realität entspräche und Frauen mit Kopftüchern ebenso zu Unrecht diskriminiert würden, wie Männer mit Bärten

Auf dieser Basis konnte auch die interkulturelle Dimension sichtbar gemacht werden: dass man vielen unterschiedlichen Normen mit einer Bewertung nicht gerecht wird. Traditionen sind meistens zwar „anders“ aber nicht „besser“ oder „schlechter“ (z.B. die Dauer oder Art des Händeschüttelns oder die Frage, ob man an der Türe klopft oder statt dessen kräftig in die Hände klatscht). Dass es aber Gepflogenheit gibt, die im „Zielland Deutschland“ meistenteils gelten und die man als „Neuankömmling“ verstehen und zu achten versuchen sollte, wohlwissend, dass sich natürlich auch Deutschland unter dem Einfluss vieler neuer Kulturen entwickeln und verändern wird. Dass es Gesetze gibt und diese eingehalten werden „müssen“, ob sie einem gefallen oder nicht. Will man sie ändern, muss man den demokratischen Weg gehen.

So endete nach über 2 Stunden eine sehr kurzweilige Veranstaltung, in der auch viel gelacht wurde. Und man war sich einig, dass es schön wäre und hilfreich im Sinne einer erfolgreichen Integration, wenn weitere Veranstaltungen dieser Art folgen würden.

Zum Abschluss spendierte das IBZW ein kulinarischen Beispiel von Tradition: zum 4. Advent gab es einen Christstollen, den man sich im Kerzenschein eines Adventskranzes aus dem benachbarten Thüringen gemeinsam schmecken ließ.